Es ist spät in der Nacht. Meine Monitore werfen einen bläulichen Schein in das Zimmer, in dem ich sitze. Die Haustür ist abgesperrt, die Fenster verriegelt. Das monotone Summen der PC-Lüfter surrt im Raum. Hin und wieder blinken blaue und grüne LED-Lämpchen auf dem Router und am Monitor. Ich zweifle leise vor mich hin. Soll ich es wirklich tun?

Es heißt, dass Informationen und Webseiten, die von Suchmaschinen erfasst werden, die Spitze des Informations-Eisbergs sind. Alles, was nicht indiziert (von Suchmaschinen erkannt und / oder aufgelistet) oder durch normale Browser aufgerufen werden kann, gehört zum „Deepweb“. Was wird mich unter diesem Eisberg erwarten? Ich wage es. Ich werde das Tor öffnen. Ich werde den Tor-Browser installieren. Ich werde in eine andere Welt tauchen. Unter den Eisberg, dessen Spitze uns allen bekannt und zugänglich ist. Ich atme tief ein und setze meine imaginäre Taucherbrille auf, bevor ich untertauche.

„Das Schattenreich des Internets“

Doch, wo muss ich jetzt eigentlich hin? Meine erste Anlaufstelle ist – wer hätte es gedacht – Google. Schnell gelange ich auf die offizielle Seite der Betreiber, die gegen Google und Co. ankämpfen. Welch Ironie. Ein paar Klicks und der für Jeden zugängliche Browser ist schnell herunterladen und noch schneller installiert. Es wurde bereits so viel über den Tor-Browser, das Deepweb und das Darknet berichtet, dass es mir Respekt eingeflößt hat. Mir fallen Beschreibungen ein, wie „Das Schattenreich des Internets.“, „Amokläufer kauft Waffe über das Darknet.“, „Drogen zu kaufen, einfach und schnell wie auf eBay“.

„Matrix“-ähnlichen Grafiken zur Darstellung des Deepwebs ©Pixabay

Ich denke an Reportagen großer Sender, die mit futuristischer, musikalischer Untermalung und „Matrix“-ähnlichen Grafiken arbeiten, wenn sie darüber berichten. Wird morgen meine Wohnung von maskierten und bewaffneten GSG9-Truppen gestürmt? Bekomme ich Besuch von einem Auftragsmörder, der irgendwie an meine IP gelangt ist? Werde ich nach dem Ausführen des Browsers sofort von Waffen, Drogen und Kinderpornos erschlagen? Ich fasse meinen Mut zusammen und klicke auf das Zwiebel-Logo des Tor-Browsers.

Unter dem Eisberg: eine bizarre und verborgene Welt

Als ich das Programm ausführe, werde ich überraschend nett begrüßt. „Willkommen im Tor-Browser“ steht in großen, violetten Lettern auf pastellgrünem Hintergrund. Ein Suchfeld darunter vermittelt das Google-Feeling – nur ohne Google. Schließlich ist Google, die Datenkrake der weiten Internet-Ozeane, genau das, was Tor umgehen will. Es wird in einem gut sichtbaren und farblich abgegrenzten Kasten aufmerksam gemacht, was man tun kann, um absolut sicher und anonym im Internet surfen zu können. Ich fühle mich geborgen und verloren zur gleichen Zeit. Ich weiß nicht, was ich tun oder wohin ich in diesen unbekannten, freundlich-grünen Gewässern steuern soll. Irgendwann stoße ich auf „HiddenWiki“, dem Verzeichnis für das Deepweb. Die auf „HiddenWiki“ gelisteten Seiten mit den Endungen „.onion“ sind nur über den Tor-Browser aufrufbar. Und in mehreren Gruppen sortiert. Auf den ersten Blick harmlos. Die Seite wirkt wie ein Wikipedia-Eintrag im ähnlichen grauen Look.

Ich scrolle und scrolle und finde viele Links, die zu Seiten führen, die sich mit der Online-Währung Bitcoin oder um Sicherheit und Anonymität im Internet beschäftigen. Irgendwann stolpern meine Augen schließlich über Begriffe wie „Fake Passports“, „Drug Marketplace“ und Worten, die direkt mit Kinderpornografie in Verbindung gebracht werden. Es beginnt also. Der eigentlich so kleine Wunsch nach Anonymität begegnet der normalerweise unsichtbaren und unter Wasser liegenden Seite des Eisbergs bereits im allgemeinen Verzeichnis.

Die dunkle Seite der dunklen Seite

Diese teilweise zwielichtigen Seiten sind das „Darknet“ im Deepweb. Die dunkle Seite der dunklen Seite. Ich stelle mir vor, wie dies auf alltäglicher

Eine durch das BKA beschlagnahmte Seite im Deepweb

Basis aussehen würde. Normales Surfen auf normalen Websites, während man nur einen Klick entfernt ist, auf Plattformen zu gelangen, die „Rent-A-Hacker“ oder „Hitman Center“ heißen und genau das bedeuten, was sie auch heißen.

Ich scrolle wieder. Meine Augen bleiben an einer Beschreibung hängen, die „Deutschland im Deep Web“ lautet. Meine Hoffnung, dass ich dort auf deutschsprachige Informationen und auf einen Kontakt stoßen kann, wird im Keim erstickt. „Die Plattform und der kriminelle Inhalt wurden beschlagnahmt durch das Bundeskriminalamt im Auftrag der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main“, springt mir ins Gesicht. Beängstigend. Aufregend. Ich kann mich noch nicht entscheiden. So sehr es mich ängstigt, genauso neugierig macht es mich. Ich will mehr wissen. Ich will tiefer tauchen.

In die Tiefen des Darknets

Ich entscheide mich, mir „Rent-A-Hacker“ genauer anzusehen. Es erscheint mir noch am harmlosesten. Die Seite in dunkelgrauem Design ähnelt einem kleinen Online-Shop. Die weiße Wortmarke „Rent-A-Hacker“ in Comic Sans sagt genug aus: Hier wird kein Wert auf Marketing oder Optik gelegt. Eine übersichtliche Auflistung von Auswahlmöglichkeiten lächelt mich an, die ich mit einem Klick und definierten Mengenangaben in den virtuellen Einkaufswagen legen könnte. Statt Smartphone-Zubehör oder Geschenkgutscheinen kauft man hier Dienstleistungen, die „Facebook Hacking“ oder „DDOS attack“ heißen. Ich lese weiter. Übersetzt steht da in feinen, weißen Lettern: „Ich tue alles für Geld. Ich bin kein Weichei. Wenn du willst, dass ich jemandes Geschäfte oder sein privates Leben zerstöre, tue ich es.“.

Wirtschaftsspionage? Kein Problem. Gegenspieler finanziell ruinieren oder hinter Gittern bringen? Alles easy. Jemandem anhängen, kinderpornografische Inhalte zu konsumieren, auch wenn er dies eigentlich nicht tut? Für nur 500 Dollar oder wahlweise 0.034 ฿ (Bitcoins). Ein Schnäppchen. Alle Hollywood Blockbuster erscheinen mir nicht mehr wie Fiktion, sondern nur noch einen Klick entfernt.

„Und du kannst dabei sein!“

Nach einer langen Reise durch mehrere Verweise gelange ich schließlich auf eine Seite, die einfach nur „Red Room“ heißt. Es dauert einen Moment, bis sich ein dunkelrotes Design vor mir aufgebaut hat. Meine Augen erkennen einen eine schmutzigen, alten Raum als Hintergrundbild. Metallrohre hangeln entlang der Ziegelwände und eine Art Krankenbett ist zu sehen. Auf diesem Krankenbett liegt ein Laken und darunter sieht man eine Hand hervorblitzen. Es bauen sich weitere Elemente der Seite auf. In großen, blutigen Lettern steht da übersetzt: „RED ROOM. Es verbleiben 10 Tage, 15 Stunden und 20 Minuten. Und du kannst dabei sein!“.

Eine „Red Room“-Seite im Darknet

Ich scrolle und erkenne, das mehrere „Zuschaueroptionen“ für unterschiedliche Preise angeboten werden. Will man nur zusehen, kostet das 0.1 ฿, umgerechnet 1.410,00 €. Die Preise steigen drastisch an, wenn man nicht nur zuschauen, sondern auch in Form von Mitwirkungsrechten mitmachen will. Ein „Grandmaster“, ein Zuschauer mit höchster Entscheidungsgewalt, zahlt für diesen Status schon ganze 141.000,00 €. Doch hier geht es um keine Indie-, oder Blockbuster-Filme. In Red Rooms werden echte Menschen gefoltert, misshandelt und manchmal auch getötet – übertragen mit einer Webcam an anonyme und zahlungswillige Zuschauer. Bezahlt man, erhält man einen privaten Link und kann sich bei etwas Popcorn und Cola eine Vorstellung in seinem stillen Kämmerchen ansehen.

Die Tatsache, dass in 10 Tagen, 15 Stunden und 20 Minuten ein Mensch irgendetwas erleiden wird, lässt mich nicht mehr los. Ist das real? Erlauben sich hier Menschen einen morbiden Scherz? Recherchen bringen mich zu dem Ergebnis, dass Red Rooms echt sind. Der Australier Peter Gerard Scully, der aktuell im philippinischen Gefängnis sitzt und eine Todesstrafe zu erwarten hat, war ein solcher „Host“(Gastgeber) eines Red Rooms. Über das Internet folterte, missbrauchte und tötete er (mit Hilfe seiner Freundin) junge Mädchen. Das jüngste Opfer war ein 18 Monate altes Kind namens Daisy. Das mehrteilige Video, welches den bizarren Titel „Daisy’s Destruction“ erhielt, wurde an zahlungskräftige Interessenten verkauft. Da diese Bilder so grausam sind, wird dieser Fall oft als „urbane Legende“ abgestempelt – was nicht zutrifft.

Gibt es die gute Seite des Deepwebs?

Es ist offensichtlich. Das Darknet ist wirklich „dark“. Doch ich habe noch die Hoffnung, dass das Deepweb auch Gutes zu bieten hat. Meine Recherchen führen mich zu einigen Veröffentlichungen über das Thema und verweisen darauf, dass es tatsächlich eine „gute“ Seite im Deepweb geben soll. Eine Seite, die für politisch-verfolgte Journalisten eine Plattform für Informationsaustausch bietet, um die Meinungsfreiheit zu beschützen. Eine Seite, die man benötigt, wenn man in Ländern wie China oder Nordkorea lebt, in denen Internetzensur ein gängiges Mittel der Kontrolle ist.

Demonstration ©Pixabay

Nachdem ich weitere Verzeichnisse im „HiddenWiki“ durchsuche, stoße ich auf etwas Vielversprechendes. Mit einem Klick, und längeren Wartezeiten (wie üblich bei Tor), öffnet sich eine Seite, die von einem großen Rabenbild geziert wird. Der Rabe hält einen goldenen Schlüssel im Schnabel. Daneben steht in großen, roten Lettern: „SCI-HUB“. Hier findet man über 50 Millionen wissenschaftliche Studien zu allen Bereichen. Frei zugänglich. Für alle erreichbar.

Interessiert suche ich weiter und gelange auf eine Seite Namens „Netpoleaks“, was eine Mischung aus „Netpolice“ (Netzpolizei) und „Leaks“ (undichte Stellen) ist. In hellem Blau und großen, leicht lesbaren Schriftzügen, erfährt man schnell, dass man hier die Möglichkeit hat, Dinge über die britische Polizei zu enthüllen. „Are you a whistleblower?“, steht über einem riesigen „Proceed“-Button. Ich habe eine Anlaufstelle für Whistleblower gefunden. Solche Seiten habe ich für fast jedes Land entdeckt und jedes politische Organ entdeckt. Hier ist sie, die anonyme Möglichkeit, über Missstände aufzuklären. Es gibt sie also wirklich, die gute Seite des Deepwebs, in der es um Meinungsfreiheit, Transparenz, das Aufdecken von Missständen und allgemeine Zugänglichkeit geht.

Wieder an der Oberfläche: Ein Fazit

Hier ist der richtige Zeitpunkt, um meinen Tauchgang abzuschließen. Ich habe die Tiefen unter dem Eisberg erkundet. Ich habe die dunkle Seite des Deepweb gefunden, das Darknet. Ich habe gesehen, dass das Deepweb eine Möglichkeit für Unterdrückte und Verfolgte sein kann. Eine Möglichkeit, seine Meinung trotz Regime-Regierungen kundtun und sicher und anonym über Missstände informieren zu können.

Ich bin froh, dass ich auftauchen und meine Taucherbrille ablegen kann. Ich bin froh, dass ich in meiner Welt keine Tor-Browser benötige, um an wichtige Informationen zu gelangen. Es erleichtert mich, dass ich meine Meinung kundtun kann, ohne vom Militär oder Polizei vernommen zu werden, weil ich die Regierung kritisiert habe. Dennoch werde ich auch von der entspannenden Gewissheit begleitet, dass ich unter anderen Umständen eine Möglichkeit hätte, an Informationen zu gelangen, oder diese auszutauschen – egal ob ich unter einem Regime oder einer Internetzensur zu leiden hätte. Doch wird das auch für immer so bleiben?

Am 14.12.2017 wurde die Netzneutralität trotz vieler, weltweiter Proteste und Demonstrationen von der amerikanischen Regierung immens geschwächt. Somit wird ein Zwei-Klassen-Internet – reguliert durch die Regierung – Realität. Man sieht das, wofür man bezahlt. Bezahlt man wenig, hat man einen eingeschränkten Zugriff auf Informationen. Womöglich wird das Deepweb doch zu einem alltäglichen Werkzeug, um dennoch an Informationen gelangen zu können.