• Transsexuelle empfinden ihr biologisches Geschlecht als falsch
  • Chris ist transsexuell und möchte bald eine Hormontherapie beginnen
  • Bei einem Besuch seiner Psychotherapeutin soll festgestellt werden, ob er dafür bereit ist

Vor einigen Jahren schrieb Chris Hellmond seiner Mutter einen Brief. „Ich fühle mich wie in einem Kapuzenpullover, der viel zu groß ist.“ Schwarze Raspelhaare, schmale Lippen, markante Gesichtszüge. Auf den ersten Blick sieht der 24-jährige aus, wie ein junger Mann. Erst seine weibliche Stimme verrät, dass er in dem Körper einer Frau steckt.

Austauschen, Zuhören, Erfahrungen sammeln

Zögerlich geht er auf ein rustikales Restaurant im Düsseldorfer Stadtteil Erkrath zu. Im Biergarten sind alle Tische besetzt. Mittendrin eine große Gruppe. Der Gendertreff. Ein Treffen um sich auszutauschen, das von der gleichnamigen Selbsthilfe Trans*-Organisation Gendertreff organisiert wird. Chris steuert zielstrebig darauf zu. Als er sich hinsetzt, hockt sich sofort eine große, dünne Frau neben ihn. Eine Frau, mit Bartstoppeln und muskulöser Brust.  

„Ich bin Johanna und da ich hier schon seit Jahren hinkomme, wollte ich dich einfach mal begrüßen,“ sagt sie mit einer tiefen rauchigen Stimme. Nach einer kleinen Vorstellungsrunde vertieft Johanna sich in ein Gespräch mit dem einzig weiteren Transmann in Chris Alter. Chris sitzt ruhig in seinem Stuhl, nippt an seiner Cola und hört den Beiden zu. Er ist noch vorsichtig im Umgang mit den anderen Besuchern des Treffs. Er ist zum Zuhören da.

Foto: Antonia Everding

Ein langer Weg zum neuen Ich

Chris ist ein Mann, gefangen in dem Körper einer Frau. Ein Transmann. Der neue, männliche Name und seine Geschlechtsidentität steht sogar auf seinem Ergänzungsausweis, den ihm die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität ausgestellt hat. Mit 13 kam Chris das erste Mal der Gedanke, dass er keine Brüste mehr haben will. Die Möglichkeit einer Geschlechtsangleichung kannte er nicht. Erst 2017 traf er den Entschluss, mit einer Hormontherapie zu beginnen. 

Doch bevor Chris damit anfangen darf, muss er zwei psychologische Gutachten vorlegen können. „Ich war vorher schon wegen meiner Depression bei einer Psychotherapeutin. Sie wollte mich aber nicht übernehmen, da sie noch nie einen Fall mit Transsexualität gemacht hat“, erzählt Chris. Schließlich fand er Psychotherapeuten in Köln und in Wuppertal.

Die Last des Wartens

Das Gespräch zwischen Chris und seiner Psychotherapeutin in Wuppertal ist locker und vertraut. Er erzählt von vergangenen und bevorstehenden Terminen. Als sie auf das Thema Hormontherapie zu sprechen kommen, wird es ernster. Der Daumen von Chris beginnt nervös zu kreisen. Er erzählt, dass er bald ein Erstgespräch mit einem Endokrinologen, einen Hormonarzt, hat.

„Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, mir illegal Testosteron zu besorgen, weil ich einfach nicht mehr warten kann“, gesteht Chris seiner Psychotherapeutin. Sie hält kurz inne. „Das Problem mit Testosteron aus dem Internet ist, dass du nicht weißt welche Stoffe da noch drin sein könnten. Die Herstellung wurde nicht überprüft“, sagt sie.

Je mehr seine Psychotherapeutin von Attesten redet desto schneller kreist Chris seinen Daumen. Sein Brustkorb hebt sich schwer. Der Daumen wird langsamer. Dann wieder schneller. Seine Augen füllen sich langsam mit Wasser. Die Psychotherapeutin schaut auf: „Was ist denn los?“ Er will den für ihn alles entscheidenden Satz von ihr hören. Dass für sie nichts dagegenspricht, wenn er eine Hormontherapie beginnt.

Foto: Antonia Everding

Wenn Toleranz Leben rettet

Dass er transsexuell ist, vertraute er erst seinen Freunden und dann seiner Familie an. „Als ich mich meiner Mutter anvertraute, fing sie an zu weinen. Aber nicht, weil sie mir als Tochter hinterher trauerte, sondern weil sie es schrecklich fand, dass ich durch eine operative Geschlechtsangleichung Schmerzen erfahren könnte.“  

Sie habe seine Transsexualität aber immer schon im Gefühl gehabt. Auch sein Vater hat seine Entscheidung, eine Hormontherapie zu machen, akzeptiert. „Er ist unglaublich tolerant und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Ich werde komplett unterstützt. Manche müssen das heimlich ausleben und bringen sich deswegen sogar um.“

Das Anderssein zelebrieren

Seine Klassenkameraden beschimpften Chris oft in seiner Schulzeit. Sie riefen ihm Sailormoon oder Tokio Hotel hinterher, um ihm damit zeigen, dass er auffällt und dass sie das nicht mögen. „Kinder können grausam sein,“ kommentiert er das schulterzuckend. In der Cosplay Szene, ein Hobby indem man sich als bestimmte Figuren verkleidet, fand Chris schließlich Halt und Freunde, die ihm die positiven Seiten des Andersseins zeigten.

Chris fängt an zu grinsen. Er versucht es zu verstecken aber das gelingt nur schwer. Die Psychotherapeutin gibt ihm ihr Okay für die Hormontherapie. Als er aus der Praxis geht, will er nicht, wie vor dem Termin, den Aufzug nehmen. „Ich fühle mich so erleichtert.“ Leichtfüßig hüpft er die Treppenstufen herunter. Der Termin hat ihm Energie gegeben. Seine Augen strahlen.