• Wie ist es für und in einer eine Flüchtlingsunterkunft zu arbeiten? Ich treffe heute auf Lehramtsstudentin Franziska.
  • Eine Flüchtlingsunterkunft wird zum neuen Zuhause.
  • In Deutschlang gab es 2019 über 140 000 neue Asylanträge. Quelle: statista.com

Es ist 8.30 Uhr, ich fahre auf ein altes Zechengelände und durch ein hohes Stahltor, das zu einer Seite geöffnet ist. Ich parke vor einem ehemaligen Zechengebäude, auf eine matschige Wiese, den Förderturm direkt vor der Nase. Ich bin erstaunt, dass sich in einer Nebenstraße ein solch großer Komplex verbirgt, zudem habe ich mir unter einer Flüchtlingsunterkunft irgendwie etwas anderes vorgestellt. Hier werde ich heute die Lehramtsstudentin Franziska (24) begleiten, die zwei Mal die Woche Geflüchtete in Deutsch unterrichtet.

Eine Zeche wird zur Flüchtlingsunterkunft

Das Gebäude betrete ich über eine Terrasse, Franziska winkt mich durch die Tür. „Heute mal durch den Hintereingang, sagt sie“, dabei hält Franziska noch ein Buch und einen Bund Schlüssel in der Hand. Fünf Schüler sitzen schon im Raum und schauen mich an, ich stelle mich vor und sage ihnen, dass ich heute Gast bin und den Unterricht beobachte.
„Komm mal mit, ich zeig dir mal das Gebäude, solange noch nicht alle Schüler da sind.“ Unsere Runde beginnt nun am Haupteingang, in dem ersten Raum links neben der Tür stehen viele zusammengewürfelte Sofas nebeneinander aufgereiht. „Hallo“, rufen zwei Männer aus dem Raum. „Das sind unsere Hausmeister“, flüstert mir Franziska zu.
Wir stehen auf einem großen Gang, links sind die Toiletten, auf der rechten Seite sind mehrere Zimmer, in denen die Geflüchteten wohnen. Alles wirkt sehr düster, es brennt kein Licht auf dem Flur und es ist sehr, sehr ruhig. Ein Stück weiter stehen zig Schließfächer an der Wand, diese sind noch aus der Bergbauzeit und erinnern an eine andere Epoche als heute. In der Mitte des Flures geht eine breite Stahltreppe in die zweite Etage, in der auch weitere Zimmer zu finden sind. Während wir wieder zurück zu dem Klassenzimmer laufen, erzählt mir Franziska, dass ihrem Kurs zwölf Schüler angehören, den sie seit einem Jahr unterrichtet.

Foto: Lara-Marie Walter

Wie eine Unterrichtsstunde aussieht

Wir öffnen die Klassentür, alle Schüler sitzen ruhig an ihren Plätzen, Stifte, Hefte und Arbeitsblätter liegen sortiert vor ihnen. Noch mehr beeindruckt mich allerdings die Lautstärke, davon ist nichts zu hören, niemand unterhält sich oder tickert noch auf dem Smartphone. Alle scheinen auf uns gewartet zu haben. „Welches Datum haben wir heute Sami“, fragt Franziska, der Unterricht beginnt also jetzt. Franziska verteilt die Arbeitsblätter, die sie am morgen aus dem Lehrbuch kopiert hat und liest die erste Aufgabe vor, danach sind alle Schüler der Reihe nach dran. Franziska verbessert immer wieder und erklärt dabei wie Wörter richtig geschrieben oder ausgesprochen werden. Mir fällt schnell auf, dass alle sehr geduldig miteinander sind und sich gegenseitig helfen, wo sie nur können. Ich sitze mit einem jungen Mann, Anfang 20 in der letzten Tischreihe. Er trägt noch seine dunkle Winterjacke und scheint sich nicht ganz auf den Unterrichtsstoff einlassen zu können, wobei auch er sehr bemüht ist, die Fragen zu beantworten, die ihm Franziska zu dem Text stellt.
Eine der Aufgaben lautet: „Schreiben Sie einen Brief an Jana, was Ihnen am Betriebsausflug gefallen hat und was nicht.“ Alle Schüler haben nun 20 Minuten, um fünf Sätze aus vorhandenen Beispielen zusammenzuschreiben.

Foto: Lara-Marie Walter

Ich bin Pantelis (29)

Es ist 10.30 Uhr und eine Pause von 15 Minuten beginnt. Ich komme mit einem Schüler ins Gespräch. Pantelis (29) und ich gehen auf den „Schulhof“, dem Platz mit dem großen Förderturm der ehemaligen Zeche. Er erzählt mir, dass er aus Griechenland kommt und erst seit sechs Monaten in Deutschland lebt. Ich bin erstaunt, denn er spricht schon gut Deutsch. „Ich habe in Griechenland einen Deutschkurs besucht und mich somit auf ein Leben in Deutschland vorbereitet. In meiner Heimat war ich zwölf Jahre in der Gastronomie tätig, auch hier arbeite ich wieder in einem Restaurant, das ist das was mir Spaß macht. Wenn ich mal nicht arbeiten muss, dann bin ich mit meiner Frau und meinem Kind unterwegs, wir fahren dann meistens in die umliegenden Städte und schauen uns diese an.“

Seid jeden Tag dankbar, für das was ihr habt

Es ist 10.45 Uhr, die letzte Unterrichtsstunde beginnt. Die Schüler starten mit der letzten Leseaufgabe für heute und ich verabschiede mich. Währenddessen schaue ich mich noch einmal in dem Raum um und mir fallen verschiedene Plakate auf, auf denen zum Beispiel steht, „Sprachen machen das Leben bunter,“ oder „Mensch ist Mensch“. In diesem Moment stelle ich mir vor, in einem anderen Land leben zu müssen, umgeben von fremden Leuten und weit weg von meiner Familie. Den Gedanken finde ich befremdlich, aber alle Personen, die um mich herumsitzen leben genau das. Umso schöner finde ich es, dass es junge, engagierte Menschen wie Franziska gibt, die dafür sorgen, dass sich Geflüchtete in Deutschland irgendwann heimisch fühlen und genau das beginnt mit der Kommunikation.